Dialog mit Russland: von „offen“ zu „konstruktiv“

Jekaterina Grigorjeva, assoziierte Wissenschaftlerin am Jacques Delors Institut – Berlin, hat bei der Münchener Sicherheitskonferenz am vergangenen Wochenende als Junior Ambassador teilgenommen. In diesem Beitrag schildert sie ihre Impressionen von der Konferenz zur Sicherheitspolitik im transatlantischen Raum.

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Von internationaler Ordnung zu Unordnung?

Über viele Jahre waren wir von der Stabilität der bestehenden internationalen Ordnung überzeugt. Man sprach von Globalisierung und Konvergenz. Der Prozess der Annäherung der Völker und die graduelle Etablierung universeller Werte schienen unbestreitbar. Die 52. Münchener Sicherheitskonferenz am vergangenen Wochenende bot ein völlig anderes Bild. Deglobalisierung, Desintegration, Schwächung der bestehenden Allianzen. Botschafter Wolfgang Ischinger stellte sogar das Weiterbestehen der Europäischen Union in Frage: „Wenn nächstes Jahr zu der gleichen Zeit die EU noch besteht, dann haben wir etwas erreicht“.

Warum wird die existierende Weltordnung heute in Frage gestellt? Fu Ying, Vize-Außenministerin Chinas sagte, dass China aus der US-geführten globalen Ordnung ausgeschlossen sei. Gegenseitiger Respekt sei das größte Problem in den Beziehungen zwischen den USA und China. „China möchte ein ‚Bruder‘ sein“, sagte sie. Für Russland ist die Frage des Respekts mindestens genauso wichtig. „Wir müssen lernen, im Team zu arbeiten, anstatt zu versuchen, alleine für die anderen alles zu entscheiden“. China und Russland haben ihre eigenen Vorstellungen in Bezug auf ihre Entwicklung unddie Ziele, die sie in der Außenpolitik verfolgen. Und sie wollen, dass dies respektiert wird. Bedeutet das für uns Europäer, dass wir unsere Ideale aufgeben müssen? Ganz und gar nicht.

„Offene“ Gespräche

In seiner Rede am Samstagvormittag sagte Außenminister Steinmeier, dass es zwei Arten von Diplomatengesprächen gibt: „offen“ oder „konstruktiv“. Die Syrien-Verhandlungen, die über neun Stunden im Vorfeld der Sicherheitskonferenz liefen, waren demnach eher „offen“. Die Einschätzungen zu den Erfolgsaussichten dieser Gespräche lagen weit auseinander. Das Ergebnis bleibt leider auch offen, während die Hoffnung auf eine Feuerpause an diesem Donnerstag schwindet.

Gibt es dennoch Dialoge, die mit Russland konstruktiv verlaufen? Die Treffen des NATO-Russland-Rats wurden vor fast zwei Jahren suspendiert. Es zeigen sich keine Entwicklungen im Energiedialog und seit November 2013 hat kein Treffen des Gas Advisory Council stattgefunden. Die Partnerschaft für Modernisierung wurde längst aufgegeben. Nur in den Iran-Verhandlungen kann man über eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Russland, der EU und dem gesamten Westen sprechen.

Der NATO-Generalsekretär Stoltenberg und die Außenminister Steinmeier und Kerry waren sich einig – man darf den Dialog mit Russland nicht abreißen lassen. Doch was bringt eine neue Reihe „offener Gespräche“, wenn Tausende von Menschenleben in Syrien und das Leiden der Bevölkerung in der Ukraine auf dem Spiel stehen?

Die bisherigen Initiativen für die Zusammenarbeit sind gescheitert, da die Ziele der beteiligten Parteien oft missverstanden wurden. Wir brauchen eine Neugestaltung des Dialogs mit Russland mit einer klaren Definition von gemeinsamen Zielen und zentralen Streitpunkten. Krisenverhandlungen und offene Ad-hoc-Telefonate unter Staatschefs sind nicht Teil eines beständigen Dialogs. Sie sind schlicht Reaktionen auf bestehende Konflikte. Die Wiederbelebung des NATO-Russland-Rats scheint in der gegebenen Situation die beste Lösung zu sein, allerdings auch die am wenigsten wahrscheinliche. Obschon der NATO-Generalsekretär vor einem „Schlafwandeln in eine Eskalation mit Russland“ warnt, macht er deutlich, dass die Reaktivierung des Rats momentan keine Option ist.

Konstruktiver Dialog durch Kooperation im Energiebereich

Eine Kooperation im Energiebereich bietet eine mögliche Alternative. Trotz der schwierigen politischen Situation bleibt Russland der wichtigste Gaslieferant für die EU mindestens bis 2030. Zurzeit liegt der Anteil Russlands an den Gaslieferungen in die EU bei 40%. Gleichzeitig stellt die EU weiterhin den signifikantesten Absatzmarkt für Russland dar, was die russische Wirtschaft von den Exporterlösen aus der EU abhängig macht.

Aufgrund der gegenseitigen Abhängigkeit sind beide Seiten daran interessiert, die bestehenden Herausforderungen in den Energiebeziehungen gemeinsam zu bewältigen. Die Intensivierung der Energiebeziehungen mit Russland bedeutet allerdings nicht, dass Diversifizierungsprojekte nicht weitergeführt werden sollen. Im Gegenteil, die beiden Prozesse sollen parallel stattfinden. Gerade das jüngste Energiesicherheitspaket der Kommission, das unter anderem eine Ex-ante-Prüfung von Kooperationen mit Drittstaaten vorsieht, muss gegenüber den Hauptlieferanten richtig kommuniziert werden. Die EU soll und muss unabhängiger werden, was die Energieversorgung betrifft. Nachhaltige und stabile Energiebeziehungen mit Russland, aber auch Algerien und Norwegen, sind allerdings bei der derzeitigen Energieabhängigkeitsrate von 53,2% für die Energiesicherheit der EU weiterhin entscheidend.

In diesem Kontext ist es erstaunlich, dass das Thema Energie keine prominente Stellung bei der diesjährigen Münchener Sicherheitskonferenz einnahm. Die niedrigen Ölpreise und deren Auswirkungen auf die globale Wirtschaft wurden nicht erwähnt. Die Shale-Revolution und die LNG-Exporte aus den USA, die Energiesicherheit der EU und die mögliche Unterbrechung des Gastransits über die Ukraine ab 2019 – diese Themen schienen keine Rolle für die transatlantische Sicherheit zu spielen.

Können wir andere Länder von unseren Werten überzeugen?

Die auf Menschenrechten, Freiheit und Selbstbestimmung basierte Weltordnung kann nicht aufgezwungen werden. Sie kann allerdings durch Taten überzeugen. Wenn es uns gelingt, konstruktive Dialoginitiativen mit Ländern wie Russland und China zu erschaffen, können wir Erfolge bei der Bewältigung internationaler Konflikte erreichen. Dafür müssen wir nachhaltige Kooperationsprojekte etablieren, in denen unsere Werte zum Ausdruck kommen. Wir brauchen robuste Gesprächskanäle, die auch in Krisenzeiten nicht unterbrochen werden.

Unsere Ideale und Werte sind Gold wert für unsere Gesellschaft und wir können sie weitergeben, indem wir sie in der Zusammenarbeit mit anderen Ländern ausleben.

Mit diesem Vorschlag wurde Jekaterina Grigorjeva als Junior Ambassador zur Münchener Sicherheistkonferenz berufen.