Banken-Stresstest: Fakten und Probleme im Überblick

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Die Veröffentlichung des europäischen Banken-Stresstests ist von der Finanzbranche mit Spannung erwartet worden. Nachdem das Brexit-Votum vor etwas mehr als einem Monat für viel Unsicherheit gesorgt hatte, wurde der Stresstest zum Moment der Wahrheit für den Zustand des Bankensektors stilisiert. Doch das Format des aktuellen Tests lässt einen großen Interpretationsspielraum, ob europäische Banken heute für eine neue Krise gerüstet wären. Dieser Blog Post beantwortet die wichtigsten Fragen rund um den Test und ordnet ihn in die Debatte rund um europäische Banken ein.

Was ist ein Stresstest und wozu brauchen wir ihn?

Der Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) soll Transparenz darüber schaffen, wie robust die 51 wichtigsten europäischen Banken beim Ausbruch eine neuen Krise wären. Dazu prüfen die Aufseher, wie sich die Bankbilanzen in zwei simulierten Szenarien verhalten. Dabei kommt es für die Banken sowohl darauf an, keine zu hohen Verluste zu erleiden, als auch, zu jedem Zeitpunkt über ausreichend Eigenkapital zu verfügen um weitere mögliche Verluste abfangen zu können. Beides ist entscheidend, damit Kunden und Anleger im Krisenfall nicht die Zahlungsfähigkeit einer Bank anzweifeln. Solche Tests auf europäischer Ebene durchzuführen ist unter anderem eine Lehre aus der Finanzkrise 2007/2008. Damals hatten Unklarheit über die Risikostruktur der Bankbilanzen, zu niedrige Eigenkapitalausstattung und eine dramatische Unterschätzung der Ansteckungsgefahr zwischen unterschiedlichen Märkten für verheerende Verluste gesorgt. Der Staat musste die Banken mit Steuergeldern retten um noch größeren Schaden von der Volkswirtschaft abzuwenden.

Da viele europäische Banken auch acht Jahre nach der großen Krise ihre Geschäftsmodelle noch nicht ausreichend saniert haben, unter dem Niedrigzinsumfeld leiden und teilweise noch gefährlich viele faule Kredite in ihren Bilanzen haben, wurde der diesjährige Stresstest mit großer Nervosität erwartet. Dafür waren sich dann Aufseher und Branchenvertreter bei der Beurteilung der Ergebnisse auffallend einig: Die europäischen Banken haben den Stresstest in diesem Jahr deutlich souveräner gemeistert als in den vorherigen Durchläufen von 2011 und 2014 und könnten einer möglichen neuen Krise standhalten. Trotzdem steht weiter die Frage im Raum, ob der Stresstest einen ausreichend starken Stressfall simuliert hat und die Widerstandsfähigkeit der Banken auch wirklich glaubhaft ist.

Welches Szenario steckt hinter dem Stresstest?

Der Stresstest besteht aus einem Basis- und einem Krisenszenario, die unterschiedliche konjunkturelle Entwicklungen zwischen 2015 und 2018 simulieren. Das Basisszenario geht von moderatem Wachstum, einer Rückkehr zum Inflationsziel von 2% und einem Anstieg der Immobilienpreise aus. Alle drei Annahmen sind eine Verbesserung gegenüber dem status quo und wirken sich positiv auf die Geschäfte der Banken aus.

Wichtiger ist das Krisenszenario. Es stellt den eigentlichen Stresstest dar. Die Aufseher simulieren hier die Auswirkungen einer starken Rezession, bei der die Wirtschaft der EU über drei Jahre um insgesamt -7,1% schrumpft. Dabei fallen Aktienpreise im ersten Krisenjahr um -25,4%, erholen sich dann wieder leicht und liegen im dritten Krisenjahr immer noch -16,4% unter dem Vorkrisenniveau. Auch die Inflation bleibt im Krisenszenario im negativen Bereich. Nach drei Jahren sind die Preise EU-weit um insgesamt -1,3% niedriger als zuvor. Immobilienpreise fallen im gleichen Zeitraum um -10,9% für privaten Wohnraum und um -15,0% für gewerblich genutzte Immobilien.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) ermittelte für Ende 2015 eine durchschnittliche Eigenkapitalquote von 13,2%. Das ist 2% höher als im Stresstest 2014 und 4% höher als 2011. In der Krisensimulation büßten die Banken im Durchschnitt 3,8 Prozentpunkte ein und fielen auf eine Eigenkapitalquote von 9,4%. Zum Vergleich: In 2014 fiel eine Bank mit weniger als 5,5% Eigenkapital durch.
  • Die Krisenfestigkeit der Bankbilanzen ist jedoch sehr heterogen. Am schlechtesten schneidet erwartungsgemäß die drittgrößte italienische Bank Monte dei Paschi di Siena (MPS) ab, die am Ende des Krisenszenarios insolvent gewesen wäre. MPS erlitt außerdem mit -14,2 Prozentpunkten die höchsten Verluste, gefolgt von der irischen Allied Irish Banks und der britischen Royal Bank of Scotland.
  • Generell stechen die irischen und deutschen Banken durch ihre hohen Verluste im Krisenszenario heraus. Irische Banken büßen im Schnitt 7,1 und deutsche Banken 5,4 Prozentpunkte ihres Eigenkapitals ein (siehe Grafik 1).
  • Die größten Risiken der Banken stecken in ihrem Kerngeschäft, den Krediten. Durch Kreditausfälle büßten die Banken während der Simulation insgesamt -349 Mrd. Euro ein.

Wichtig ist außerdem, dass der Test, anders als zuvor, keinen konkreten Kapitalbedarf für Banken ermittelt die besonders schlecht abschneiden. Es bleibt den zuständigen Aufsichtsbehörden (bei den 37 Banken die dem einheitlichen europäischen Aufsichtsmechanismus angehören ist das die EBA selbst) überlassen, einzelne Institute im Anschluss an den Test zur Erhöhung ihrer Kapitalquote aufzufordern. Wichtiger als die Einschätzung der Aufseher, ist daher die Reaktion der Märkte auf die vorliegenden Ergebnisse. Kursverluste des EURO STOXX Banks Index am ersten Handelstag nach Veröffentlichung der Ergebnisse werden als Ausdruck der Enttäuschung gewertet.

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Welche Schwächen hat der Test?

Die Methodik der EBA wurde schon vor Bekanntgabe der Ergebnisse von verschiedenen Seiten kritisiert. Bankenvertreter monieren, dass der direkte Vergleich für einige Banken unvorteilhaft sei, da je nach Land unterschiedliche Übergangsbestimmungen bis zur Umsetzung einheitlicher Regeln zur Eigenkapitalquote gelten. Außerdem wurden zur Berechnung der Kapitalverluste Daten von früheren Verlusten als Indikator benutzt. Dies ist für Banken, die während der Finanzkrise hohe Verluste erlitten haben, ungünstiger als für Banken, die relativ unbeschadet durch die Krise gekommen sind. Die EBA hält dagegen, dass sie nur durch eine stark standardisierte Datenerhebung in sich konsistente Ergebnisse ermitteln kann.

Die Kritik, die außerdem viele Ökonomen und Bankenexperten äußern, ist wesentlich grundsätzlicher: Der Test blende die größten wirtschaftlichen Risiken für die Banken aus und ignoriere ihre strukturelle Schwäche. Die europäischen Banken leiden schon seit geraumer Zeit unter historisch niedriger Profitabilität. Ein wichtiger Grund dafür ist das Niedrigzinsumfeld, das durch den Leitzins der EZB von 0% und negative Zinsen auf viele Staatsanleihen angetrieben wird. Da frisches Geld also quasi kostenlos und unbegrenzt zur Verfügung steht, werden auch Kredite für Firmen und Privatpersonen immer günstiger. Das wiederum schmälert die Einnahmen der Banken, die stark von Einnahmen aus Kreditzinsen abhängen. Da die Kosten, etwa für den Filialbetrieb, nicht in gleichem Maße sinken können, machen viele Banken  Verluste. Wie angespannt die Lage ist, macht ein Blick auf den Branchenindex EURO STOXX Banks deutlich, der seit Jahresbeginn bereits 30% an Wert eingebüßt hat. Eben jenes Niedrigzinsumfeld wird aber im Stresstest weitgehend ausgeblendet. Das Krisen-Szenario geht sogar von steigenden Zinsen auf Staatsanleihen aus, was zur Folge hätte, dass auch Firmen und Privatpersonen wieder höhere Zinsen zahlen müssten.

Haben die Banken genug Eigenkapital?

Die EBA zeigt sich insgesamt zufrieden mit der Eigenkapitaldecke der getesteten Banken. Eine Forschergruppe bestehend aus Viral Acharya, Diane Pierret und Sascha Steffen veröffentlichte vergangene Woche jedoch eigene Berechnungen, denen zufolge europäische Banken derzeit noch einen Kapitalbedarf von 882 Mrd. Euro hätten, um eine systemische Krise zu überstehen[1]. In ihrer Krisensimulation gehen die Forscher von weltweiten Kurseinbrüchen um 40% über einen Zeitraum von nur sechs Monaten aus. Ohne das zusätzliche Kapital würden viele Banken in einem solchen Szenario unter eine Eigenkapitalquote von 5,5% fallen. Die Quote war im Stresstest 2014 die Voraussetzung um zu „bestehen“. Die Summe von 882 Mrd. Euro übersteigt sogar den derzeitigen Marktwert der getesteten Banken. Für diese wäre es extrem schwierig derart viel Kapital an den Märkten aufzubringen, besonders weil Investoren derzeit nicht besonders viel Potential im europäischen Bankensektor sehen.

Es ist wenig überraschend, dass die EBA in dieser Situation nicht die Alarmglocken läutet und eine weitere Kapitalerhöhung fordert. Dies würde den Druck, der ohnehin schon auf den Banken lastet, noch weiter erhöhen und eine Aufstockung des Eigenkapitals erschweren. Die Behörde hebt stattdessen hervor, dass europäische Banken ihr Eigenkapital seit 2011 bereits um 260 Mrd. Euro aufgestockt hätten. Ob die Eigenkapitalausstattung reicht, hängt vor allem von der Schwere der nächsten Krise ab.

Vor welchen Herausforderungen stehen die europäischen Banken?

Die Herausforderungen sind sowohl konjunktureller als auch struktureller Natur. Sollte sich die Wirtschaft weiterhin nur schleppend erholen, wonach es nach dem Brexit-Votum aussieht, wird auch das Niedrigzinsumfeld den Banken auf absehbare Zeit weiter zusetzen. Unter diesen Rahmenbedingungen ist es umso wichtiger, dass sich strukturell unprofitable Bankensektoren wie die deutsche oder italienische Branche einem Wandel unterziehen und ihre Geschäftsmodelle an niedrigere Zinsen anpassen. Derzeit gibt es in der EU noch 3.278 Kreditinstitute, davon gelten aber nur 35 als Großbanken (EZB, Stand Ende 2015). Eine Konsolidierung der kleinen und mittleren Banken, die oft nicht einmal miteinander konkurrieren, könnte also noch enorme Effizienzgewinne erzeugen.

Außerdem hat der europäische Binnenmarkt für Finanzdienstleistungen großes Potential. Seit der Finanzkrise ist die grenzübergreifende Nutzung von Finanzdienstleistungen eher zurückgegangen. Dieser Trend sollte sich wieder umkehren, um Ersparnisse aus wirtschaftlich starken Ländern dorthin zu kanalisieren, wo es an Investitionen fehlt. Banken die stärker grenzübergreifend agieren, könnten hier helfen und selbst profitieren.

[1] Viral Acharya, Diane Pierret und Sascha Steffen, “Capital Shortfalls of European Banks since the Start of the Banking Union”, 27. Juli 2016.